13. November 2018 05:13
Es gibt so Tage an denen ist man traurig ohne Grund.
Und dann gibt es solche Tage wie heute...
Ich kannte Stan Lee nicht besonders gut.
Ich glaub das erste Mal als ich ihn wahrgenommen hab,
war als ein älterer Mann sich neben Peter Parker gestellt hat und zu ihm sagte;
"Wissen Sie, ich denke auch ein Einzelner kann tatsächlich etwas bewirken."
Das war vor vielen Jahren. Und dabei ziemlich am Rande.
Ich mochte Superhelden. Mein erstes Heft bekam ich von meinem Vater,
es handelte von Batman's Kampf mit einem riesigen Kraken in einem Wassertank.
Daneben lagen Hefte von Spiderman. "Die Spinne" war damals noch darauf zu lesen.
Ich überflog es, und widmete mich weiter den Abenteuern des dunklen Ritters.
Hin und wieder liefen im Fernsehen japanische Filme über einen Typen der sich Spiderman nannte.
Ein grün geschminkter Bodybuilder lief manchmal über den Bildschirm und verwandelte sich in Hulk.
Die Folgen wurden seltener und verschwanden bald ganz. Stattdessen bekam die Fledermaus einen Film.
Bald darauf noch einen. Ich schaute sie zum ersten Mal im Hochbett eines Kindheitsfreundes
der wie ein Bruder für mich war. Bald darauf zog er aus dem gemeinsamen Wohnhaus aus,
und ich verbrachte die Samstagvormittage in Gesellschaft von Batman in animierter Form.
Spiderman bekam auch so eine Serie, genau wie die X-Men.
Beide sah ich wenn der dunkle Ritter gerade Pause machte.
Jahre später wurde mein Brustkorb operiert,
da lief sie ebenfalls und nahm mir ein wenig die Schmerzen.
Ich bin mir nicht ganz sicher wann der erste Spiderman Teil in die Kinos kam,
aber ich erinnere mich noch das lange Zeit ein riesiges Poster von ihm über meinem Bett hing.
Ich war damals in ein Mädchen verliebt und stellte mir in meinem pubertären Kopf
gerne vor sie würde mich eines Tages so ansehen wie Mary Jane am Ende des ersten Teils
Peter Parker in die Augen sieht. Ich glaube diese Vorstellung hatten damals viele einsame Jungen.
Es geschah nie. Jedoch machte ich die Erfahrung dass manchmal selbst erträumte Abenteuer
besser waren als gar keine. Und die verkörperten Ideale gaben mir Kraft.
Ja, es war vielleicht das erste Mal dass ich mich mit einem Superhelden identifizieren konnte.
Peter Parker war ein Aussenseiter. Das war ich auch. Und das tat manchmal sehr weh.
Er verlor seine Kraft weil er nicht mehr an sich glaubte. Und bald tat ich das auch.
Sie nannten es eine Depression. Doch es war eher wie ein verrückt gewordener Doktor Octavius
dessen künstliche Sonne alles zu verschlingen droht. Es sah ziemlich trostlos aus.
Doch wenn ein Superheld damit klar kommen konnte, vielleicht konnte ich das auch.
Es folgten Jahre an denen es mal besser ging und mal schlechter,
eine Nacht in Frankfurt als ein älterer Mann Peter Parker beiläufig etwas Mut zusprach,
und viele weitere Jahre die mal schöner und mal weniger schön waren.
Leider ist das Leben kein Superhelden Film. Es hat mehr mit einem Comic zu tun.
Die Monster werden nicht besiegt. Iron Man fegt Iron Monger nicht in ner finalen Schlacht
zu Musik von AC/DC von der Leinwand, du stößt dir eher betrunken den kleinen Zeh
wenn du besoffen Richtung Bett wankst. Die Bösen werden nicht besiegt.
Die bleiben. Wegen Quoten und so. Und manchmal stellst du fest
das du es selbst bist der auf der falschen Seite steht.
Und du dein eigener Endgegner bist. Dein schwierigster Kampf.
Vielleicht dein letzter. Und währenddessen wird Peter Parker
von so nem Jungspund gespielt für den "Das Imperium schlägt zurück"
dieser echt alte Film is.
Und plötzlich wird dir klar wie alt du bist.
Und wie verbittert du geworden bist.
Und das du aufgegeben hast.
Und ein alter Mann den du nie groß beachtet hast wird auf Twitter erwähnt,
und auf Reddit und Facebook. Und du merkst das bloß weil du seit Jahren
kaum noch von diesem kleinen Bildschirm der zu deiner Welt geworden ist hochblickst.
Und seine Frau stirbt. Du kennst ihn nicht, und seine Frau noch weniger aber du beginnst dich zu erinnern.
An das Cover deiner ersten Comic-Hefte, an das erste Mal als du Mary Jane Watson zu Spiderman sagen hörst;
"Hol sie dir, Tiger." an den Moment wo dir bewusst wird...
Verdammt, ich bin noch da.
Warum?
Wegen irgendwelcher Geschichten? In kleinen Heftchen, die dein Weltbild geprägt haben?
Weil du an das gute in der Welt glaubst, nur weil der Flimmerkasten vor dir
in deiner Kindheit dir das ständig vorgespielt hat? Weil ein alter Mann,
zu so nem Typen im Spinnenkostüm vor etlichen Jahren mal gesagt hat,
auch ein einzelner könne etwas bewirken?
Und du denkst kurz nach.
Nimmst einen Schluck Whiskey der seit einer Stunde neben dir steht,
und wischt dir über deine roten Augen, die seit acht Stunden hin und wieder nass werden,
beim Gedanken an einen alten Mann den du erst in diesen Stunden so richtig kennen gelernt hast.
Einen Mann der immer an deiner Seite war seit du denken kannst,
der dir geholfen hast wenn die Stunden am dunkelsten waren und ein Morgen in weiter ferne.
Der dir Hoffnung geschenkt hat und den du oft so wenig wahrgenommen hast wie seine Charaktere in seinen vielen Cameos.
Und du denkst daran, dass...
du bist noch da.
Und...
Irgendwas fehlt.
Stan Lee ist heute gestorben.
Mehr ist nicht zu sagen...